Wenn eine angespannte Situation entsteht, wird Kommunikation schnell unübersichtlich.
Plötzlich ist unklar: Was habe ich wirklich gesehen? Was habe ich hineininterpretiert? Was fühle ich gerade – und was erwarte ich?
Das macht Gespräche schwierig für alle Beteiligten.
Das SAG-ES Modell hilft, Ordnung in solche Gespräche zu bringen.
Es steuert nicht das Verhalten anderer, sondern bietet Orientierung für einen selbst: einen roten Faden, der Sicherheit gibt und hilft, bei der eigenen Wahrnehmung zu bleiben.
Gute Vorbereitung ➜ kleiner Schritt und große Wirkung
Ein hilfreiches Konfliktgespräch entsteht selten spontan. Drei Elemente schaffen einen günstigen Rahmen:
✦ ausreichend Zeit, damit niemand unter Druck gerät
✦ ein ruhiger Ort, an dem ungestört gesprochen werden kann
✦ einige schriftliche Stichworte, um das eigene Anliegen zu klären
Gespräche „zwischen Tür und Angel“ führen oft zu Missverständnissen. Ein bewusst gewählter Rahmen zeigt: Dieses Gespräch ist wichtig.
I. Die fünf Schritte des SAG-ES Modells: einfach erklärt und sofort anwendbar
Im Kern geht es darum, die eigene Wahrnehmung klar auszudrücken und das Gegenüber aktiv einzubeziehen.

1. Situation schildern
Der erste Schritt von SAG-ES ist der wichtigste: es geht darum, zu sagen, was man wahrgenommen hat, ohne Interpretationen, Unterstellungen oder Wertungen.
Eine klare Beobachtung öffnet ein Gespräch, weil sie neutral bleibt.
Interpretationen dagegen wirken schnell wie Angriffe.
🔍 Kurzbeispiel zum Vergleich:
Situation: Anna kommt mehrfach zu spät zu einer gemeinsamen Übergabe.
Interpretation (➜ ungünstig): „Du bist total unzuverlässig.“
Beobachtung (➜ geeignet): „Mir ist aufgefallen, dass du an den letzten drei Tagen zehn Minuten später zur Übergabe gekommen bist.“
➜ Die Wirkung ist völlig unterschiedlich.
Die Beobachtung ist überprüfbar. Die Interpretation ist ein Urteil – und führt fast sicher in eine Verteidigungshaltung.
Folgendes haben diese Beispiele gemeinsam: sie beschreiben nur was passiert ist, nicht warum.
💡Tipps zur Anwendung
» a. Kamera-Test
Alles, was eine Kamera oder ein Mikrofon aufnehmen könnte, ist Beobachtung.
Alles andere ist vielfach Interpretation.
» b. „Du bist…“-Alarm
✦ Sobald ein Satz mit „Du bist…“, „Du machst…“, „Du willst…“ beginnt, ist er meist eine Interpretation.
✦ Folgende Formulierungen unterstützen dabei, auf der Beobachtungsebene zu bleiben:
„Ich habe gesehen…“, „Ich habe gehört…“, „Mir ist aufgefallen…“, „Ich nehme wahr…“, „Mir ist wichtig, dir zu sagen, dass…“
» c. Kurz und knapp ist besser
Eine Beobachtung sollte ein Satz sein. Längere Ausführungen führen fast immer zu Bewertungen.
» d. Keine absoluten Formulierungen
Zuschreibungen wie „Immer“, „nie“, „ständig“ erzeugen Abwehr.
Stattdessen: konkrete Häufigkeit nennen.
2. Auswirkung beschreiben
Nachdem die Beobachtung klar benannt wurde, geht es im zweiten Schritt darum, sichtbar zu machen, was diese Beobachtung konkret auslöst – beruflich, organisatorisch oder emotional.
Dieser Schritt ist entscheidend, weil er verständlich macht:
➜ Warum ist dieses Gespräch überhaupt nötig?
Ohne Auswirkungen bleibt die Aussage oft im Raum hängen.
Mit Auswirkungen wird ein nachvollziehbarer Zusammenhang hergestellt.
🔍 Kurzbeispiel
Situation: Ein Kollege gibt Informationen unvollständig weiter.
Beobachtung: „Mir ist aufgefallen, dass im letzten Bericht zwei Zahlen fehlten.“
Ohne Formulierung der Auswirkungen bleibt die Aussage stehen und wirkt wie eine Feststellung oder Kritik.
Mit ausformulierten Auswirkungen: „Dadurch konnte ich meinen Teil nicht fertigstellen und wir mussten die Abgabe verschieben.“
➜ Damit wird deutlich, warum das angesprochene Thema eine Rolle spielt: nicht als Vorwurf, sondern als Beschreibung der tatsächlichen Auswirkungen.
💡Tipps zur Anwendung
» a. Neutrale Formulierungen nutzen
Diese Formulierungen erklären Zusammenhänge, statt zu beschuldigen: „Für mich bedeutet das …“, „Das führt dazu, dass …“, „Dadurch entsteht für mich …“, „Das macht es mir schwer, …“, „Ich kann dadurch nicht …“
» b. Auch kleine Auswirkungen ansprechen
Nicht jede Situation muss ein großes Problem darstellen.
Oft sind es gerade die kleinen Effekte, die mit der Zeit zu Reibung führen.
Beispiele: „Dadurch brauche ich länger, um Entscheidungen zu treffen.“, „Es verunsichert mich, wenn ich nicht einschätzen kann, womit ich rechnen kann.“
» c. Möglichst konkret – aber nicht übertreiben
Zwischen „zu allgemein“ und „zu dramatisch“ gibt es eine gute Mitte. Konkrete und realistische Beschreibungen helfen dem Gegenüber, die Situation einzuordnen, ohne unnötige Dramatik zu erzeugen. So bleibt das Gespräch sachlich und nachvollziehbar.
❌ Übertreibung:
„Das bringt das ganze Projekt in Gefahr!“
✔️ Konkreter:
„Das verzögert meine Planung und erschwert die Abstimmung.“
» d. Wirkung ≠ Bewertung
„Es wirkt auf mich arrogant“ → ist keine Auswirkung, sondern eine Bewertung.
„Dadurch habe ich mich zurückgezogen“ → beschreibt eine tatsächliche Wirkung.
➜ Der Unterschied: Bewertungen greifen die Person an, während Auswirkungen zeigen, was das Verhalten auslöst ohne zu verletzen.
3. Gefühle benennen
Der dritte Schritt von SAG-ES macht deutlich, warum eine Situation nicht einfach abgehakt werden kann. Gefühle zu benennen bedeutet nicht „emotional zu werden“, sondern nachvollziehbar zu machen, warum das Thema eine Bedeutung hat.
Viele Menschen lassen diesen Schritt aus – entweder, weil sie Gefühle im Berufsalltag unpassend finden oder weil sie Angst haben, angreifbar zu wirken.
Tatsächlich passiert das Gegenteil:
Gefühle schaffen Verbindung, machen Kommunikation menschlich
und entschärfen Missverständnisse.
🔍 Kurzbeispiel
Situation: Ein Teammitglied übergeht eine gemeinsame Absprache.
Ohne Formulierung des Gefühls: „Du respektierst unsere Absprachen nicht.“ → klingt wie ein Vorwurf und führt meist zu Abwehr.
Mit ausgesprochenem Gefühl: „Ich fühle mich dadurch übergangen und irritiert, weil mir Verlässlichkeit wichtig ist.“
Das Benennen der Gefühle erklärt die emotionale Lage des Sprechenden und nicht die Absicht des Gegenübers
➜ Der Ton verändert sich.
➜ Die andere Person kann verstehen, warum das Thema wichtig ist.
➜ Das Gespräch öffnet sich
💡Tipps zur Anwendung
» a. Gefühl versus Vorwurf
Echte Gefühle werden aus der eigenen Perspektive formuliert, zum Beispiel mit „Ich bin …“ oder „Ich fühle …“.
Beispiel: „Ich bin verunsichert.“, „Ich bin traurig“, „Ich fühle mich wütend.“
Solche Aussagen beschreiben den inneren Zustand, ohne jemandem Verantwortung dafür zuzuschreiben.
Formulierungen wie „Du machst mich …“ sind dagegen keine Gefühlsaussagen. Sie beschreiben nicht das eigene Empfinden, sondern unterstellen der anderen Person eine Wirkung oder Absicht: „Du machst mich wütend.“ oder „Du machst mich traurig.“
Das wirkt schnell wie ein Vorwurf und führt häufig zu Abwehr statt zu Verständigung.
Gefühle gehören zur eigenen Innenwelt.
Sie beginnen mit „Ich bin …“, nicht mit „Du machst mich …“.
» b. Gefühle nicht rechtfertigen
Gefühle entstehen automatisch aus der Verbindung zwischen äußeren Ereignissen und inneren Bedürfnissen. Sie sind keine Entscheidung und keine bewusste Wahl – sie zeigen einfach, was gerade im Inneren passiert.
Darum sind Gefühle nicht „richtig“ oder „falsch“ und auch nicht verhandelbar. Man kann darüber sprechen, was das Gefühl ausgelöst hat, wie es weitergehen soll oder welche Bedürfnisse wichtig sind – aber nicht darüber, ob ein Gefühl „angebracht“ ist.
Gefühle beschreiben einen Zustand, keinen Standpunkt, und deshalb können sie nicht diskutiert oder widerlegt werden.
Gefühle brauchen auch keine Bewertung: „Ich weiß, das ist vielleicht übertrieben, aber…“ → das macht eine Aussage kleiner als sie ist.
4. Erfragen der Sichtweise
Hier unterscheidet sich SAG-ES deutlich von klassischen Feedbackregeln, bei denen eine Person spricht und die andere nur zuhören soll.
Beim Erfragen entsteht Dialog statt Monolog.
Damit wird Raum für Verständnis, Überraschungen und
meist auch Entspannung geöffnet.
Oft zeigt sich dabei, dass das Verhalten ganz andere Gründe hatte, als vermutet wurde.
🔍 Kurzbeispiel
Situation: Eine Kollegin gibt eine Aufgabe anders weiter, als abgesprochen war.
Ohne Erfragen der Sichtweise: „Du hältst dich nie an unsere Absprachen.“
→ wirkt wie ein Vorwurf, löst schnell Rechtfertigung aus.
Mit Erfragen der Sichtweise: „Wie kam es dazu, dass du die Aufgabe anders weitergegeben hast als vereinbart?“
Mögliche Antwort: „Ich habe gestern eine neue Information von der Teamleitung bekommen und dachte, es wäre sinnvoller, es gleich so umzusetzen.“
Diese Fragen signalisieren:
➜ Ich bin bereit zuzuhören.
➜ Ich nehme dich ernst.
➜ Du bist Teil der Lösung.
💡Tipps zur Anwendung
» a. Nachfragen und Zeit lassen
Nach einer Frage braucht das Gegenüber Raum, um nachzudenken. Während einen selbst das Thema schon länger bewegt, hört die andere Person es vielleicht zum ersten Mal. Diese kurze Stille ist wertvoll, denn sie ermöglicht eine echte, überlegte Antwort.
» b. Antworten nicht vorwegnehmen
Suggestivfragen geben eine Richtung vor und lassen kaum Raum für ehrliche Antworten.
Offene Fragen hingegen laden ein, die eigene Sicht klar auszudrücken.
❌ „Findest du nicht auch, dass…?“
❌ „Du verstehst schon, warum das schwierig war?“
✔️ Offene Fragen schaffen Raum:
„Wie siehst du das?“
„Was bedeutet das für dich?“
» c. Neugierig statt kontrollierend fragen
Der Charakter einer Frage entscheidet, wie das Gespräch weitergeht.
Misstrauische Fragen wirken schnell wie Kritik oder Kontrolle und führen oft zu Rechtfertigung.
Offene, interessierte Fragen dagegen schaffen Verbindung und ermöglichen echte Einblicke in die Sichtweise der anderen Person.
Vergleich:
✦ „Warum hast du das gemacht?“ → klingt wie ein Verhör
✦ „Was war dir in dem Moment wichtig?“ → respektvoll und interessiert
Der Unterschied liegt weniger im Inhalt der Frage als im Ton und der Haltung dahinter:
Neugier lädt ein – Misstrauen verschließt.
» d. Zusammenfassen schafft Klarheit
Nach dem Zuhören hilft es, das Gesagte in eigenen Worten kurz zusammenzufassen.
Zum Beispiel mit: „Wenn ich dich richtig verstanden habe, …“
Das zeigt:
➜ Die Aussage wurde wirklich gehört.
➜ Die eigene Wahrnehmung wird überprüft.
➜ Missverständnisse können sofort geklärt werden.
So entsteht ein gemeinsames Verständnis dessen, worum es geht.
» e. Der „Ah-so-ist-das“-Moment
Ein innerer Satz wie „Ah, so ist das also“ hilft, offen zu bleiben.
Er schafft inneren Abstand, bevor automatisch bewertet oder reagiert wird.
So entsteht mehr Raum, um das Gehörte wirklich aufzunehmen und die eigenen Emotionen beruhigen sich einen Moment lang.
5. Schlussfolgerungen
Dieser Schritt bringt das Gespräch vom Rückblick in die Zukunft.
Nachdem Sichtweise, Auswirkungen, Gefühle und Perspektiven ausgetauscht wurden, geht es nun darum, gemeinsam zu überlegen:
Was soll sich verändern?
Was brauchen wir beide für die Zukunft?
Welche konkrete Vereinbarung ergibt Sinn?
🔍 Kurzbeispiel
Situation: Ein Teammitglied liefert wiederholt verspätete Infos.
Nach den ersten vier Schritten folgt jetzt die Schlussfolgerung: „Wie können wir sicherstellen, dass ich wichtige Infos spätestens am Vorabend bekomme?“
Kollegin: „Ich kann dir jeweils eine kurze Nachricht schicken, wenn ich die Rückmeldung vom Kunden habe. Wenn die nicht kommt, bekommst du um 16 Uhr ein Update.“
Dieser Schritt sorgt dafür, dass sich Gespräche nicht im Kreis drehen, sondern mit Klarheit abschließen.
➜ Beide wissen, woran sie sind.
➜ Das Problem ist sichtbar, nicht die Person.
➜ Es entsteht eine verbindliche Vereinbarung.
💡Tipps zur Anwendung
» a. Lösungen im „Wir“-Modus
Formulierungen, die mit „du musst“ beginnen, erzeugen leicht Druck oder Abwehr.
Ein „Wir“-Fokus lädt dagegen ein, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen und beide übernehmen Verantwortung.
➜ So entsteht ein Gespräch auf Augenhöhe statt einseitiger Forderungen.
» b. Konkret werden
Konkrete Absprachen schaffen Orientierung und vermeiden Missverständnisse, während allgemeine Aussagen oft offenlassen, was genau gemeint ist.
❌ „Das sollte in Zukunft besser laufen.“
✔️ „Lass uns künftig spätestens mittags abstimmen, wenn sich etwas verzögert.“
» c. Vereinbarung nach dem SMART Raster prüfen
Damit Vereinbarungen wirksam bleiben, hilft eine kurze Überprüfung nach dem SMART-Raster. Mehr dazu: Erfolgreiche Konfliktlösung durch SMARTe Ziele: Warum Präzision zählt
II. Die Haltung hinter SAG-ES
Während in vielen klassischen Feedbackmodellen der Empfänger überwiegend zuhört, lädt SAG-ES zur gemeinsamen Entwicklung von Lösungen ein.
Der Fokus liegt nicht auf Fehlern, sondern auf Verständigung.
Damit unterstützt das Modell aktiv Teamdynamik, Beziehungspflege und Verantwortungsübernahme auf beiden Seiten.
Die Methode entfaltet ihre Wirkung nicht nur über die Struktur, sondern auch über die Haltung, die sie transportiert:
✦ Zuhören, um zu verstehen, nicht um zu antworten.
✦ Echtes Interesse: „Ah, so siehst du das.“
✦ Geduld: manche Antworten brauchen Zeit.
✦ Person und Verhalten trennen
✦ Nicht bewerten, auch wenn etwas irritiert.
✦ Bei sich bleiben : wahrnehmen, was innerlich passiert.
✦ Kooperation ermöglichen: Lösungen gemeinsam entwickeln.
Diese Haltung verhindert Eskalation und stärkt die Beziehungsebene.

SAG-ES kann auch ohne Gespräch unterstützen, indem es hilft, die eigenen Gedanken zu ordnen: Was wurde tatsächlich beobachtet? Was soll erreicht werden? Welche Gefühle sind im Spiel? Diese kurze Selbstklärung reduziert oft schon den Druck und schafft innere Orientierung.
III. SAG-ES in der Mediation: Klarheit, die entlastet
In der Mediation zeigt sich die Stärke des Modells besonders:
- Anliegen werden verständlich, ohne verletzend zu sein.
- Beide Seiten fühlen sich gehört.
- Verhärtete Positionen entspannen sich.
- Lösungen entstehen, die tragfähig sind.
SAG-ES unterstützt Mediator:innen und Konfliktparteien dabei, Orientierung zu finden und Gespräche konstruktiv zu gestalten.
Fazit: Ein einfaches Modell mit großer Wirkung
Das SAG-ES-Modell ist leicht erlernbar, sofort anwendbar und in vielen Kontexten hilfreich.

Es hilft, Konflikten nicht auszuweichen und sie auch nicht zu verschärfen, sondern sie konstruktiv zu nutzen.
Mit jedem Gespräch wächst die Routine und damit die Fähigkeit, auch schwierige Situationen souverän zu gestalten.








Hinterlasse einen Kommentar