Mediation hilft, den Blick nach vorn zu richten
In vielen Konflikten erleben wir immer wieder dasselbe Muster: Wir sprechen über das, was war. Wer angefangen hat. Wer sich falsch verhalten hat. Wer verletzt wurde. Das ist verständlich, denn Konflikte berühren oft tiefe Erfahrungen von Ungerechtigkeit, Enttäuschung oder Ohnmacht.
Wer Frieden oder Lösungen sucht, merkt irgendwann: Die Vergangenheit kann vieles erklären, aber sie verändert nichts. Der Weg nach vorn entsteht dort, wo Menschen beginnen, das Heute zu gestalten, statt statt immer wieder auf das Gestern zu schauen.
1. Was uns in die Vergangenheit zieht
Wenn wir uns in einem Konflikt befinden, ist unser Denken häufig rückwärtsgewandt. Wir wollen verstehen, warum etwas passiert ist und wer dafür verantwortlich ist. Dabei geraten wir leicht in vier typische Muster:
1.1 Alte Verletzungen
Unverarbeitete Kränkungen bleiben lebendig. Sie tauchen wieder auf, wenn eine ähnliche Situation ein Gefühl von „Schon wieder!“ auslöst.
Was hilft: Verletzungen anzuerkennen, ohne sie erneut auszutragen. Manchmal genügt ein Satz wie: „Das war damals wirklich schwer für mich.“ Damit bekommt das Gefühl Raum, aber es bestimmt nicht alles.
1.2 Schuldfragen
Oft suchen Menschen nach Klarheit: Wer hat recht, wer ist schuld? Diese Fragen sind verständlich, doch sie binden die Energie an das Vergangene.
Was hilft: Die Frage verändern: „Was brauchen wir jetzt?“ statt „Wer hat damals was getan?“ So verschiebt sich die Energie von der Analyse zur Gestaltung.
1.3 Recht haben
Recht zu haben kann sich wie ein Schutz anfühlen. Es gibt Struktur in der Unsicherheit. Doch Verständigung entsteht selten, wenn beide auf ihrem Recht beharren.
Was hilft: Aufrichtig zuhören, auch wenn man nicht zustimmt. Die Frage „Wie sieht die Situation aus deiner Sicht aus?“ öffnet oft mehr, als ein Argument jemals könnte.
1.4 Kontrolle
Wenn etwas aus dem Ruder gelaufen ist, wollen wir oft die Dinge wieder fest im Griff haben. Kontrolle gibt scheinbar Sicherheit. Doch je stärker wir versuchen zu steuern, desto enger wird der Raum für uns selbst und für andere.
Was hilft: Nicht mehr tun, sondern weniger festlegen. Statt alles im Voraus klären zu wollen, kann es entlastend sein, den nächsten Rahmen bewusst klein zu halten.
Zum Beispiel: ein Gespräch auf einen klaren Zeitpunkt begrenzen; nur ein Thema klären, nicht gleich alles; eine Vereinbarung bewusst vorläufig formulieren
So entsteht Entspannung. Nicht, weil alles geregelt ist, sondern weil nicht alles geregelt sein muss. Vertrauen beginnt oft dort, wo Kontrolle ein Stück zurücktritt.
2. Wie wir aus dem Kreislauf aussteigen können
Wenn wir beginnen, den Blick vom Gestern ins Heute zu richten, entsteht Raum für Neues.
Verständigung gelingt nicht, weil jemand „nachgibt“,
sondern weil sich Menschen erlauben, anders hinzuschauen.
Diese vier Haltungen können dabei helfen:
2.1 Konkrete Absprachen statt Vermutungen
Unklare Erwartungen führen zu neuen Missverständnissen. Deshalb lohnt es sich, Vereinbarungen klar und überprüfbar zu formulieren.

Fragen, die helfen:
- Was genau wünsche ich mir vom anderen? Habe ich es schon deutlich gesagt?
- Woran würde ich merken, dass es funktioniert?
Mini-Tool:
Vereinbarungen so formulieren, dass sie überprüfbar sind:
Zum Beispiel: „Wir sprechen morgen um 10 Uhr kurz über den Projektstand“ statt „Wir sollten besser kommunizieren“.
➜ So wird aus Unklarheit Orientierung.
2.2 Blick auf das Gemeinsame
Auch in schwierigen Situationen gibt es oft verbindende Ziele wie funktionierende Zusammenarbeit, Ruhe im Familienleben oder gegenseitigen Respekt.

Fragen, die helfen:
- Was ist uns beiden wichtig, auch wenn wir es unterschiedlich ausdrücken?
- Wo gibt es bereits etwas, das funktioniert?
- Wie sähe es aus, wenn es „gut genug“ wäre, statt perfekt?
Mini-Tool:
Ein gemeinsames Zielbild formulieren: ein kurzer Satz, der das Gemeinsame beschreibt.
Zum Beispiel: „Wir wollen wieder so miteinander sprechen können, dass wir uns verstanden fühlen.“
➜ Dieser Satz kann ein innerer Anker werden, wenn alte Muster wieder auftauchen.
2.3 Auf das Jetzt schauen
Nicht alles lässt sich sofort klären. Aber vieles lässt sich jetzt verbessern.

Fragen, die helfen:
- Was ist jetzt mein nächster kleiner Schritt?
- Was kann ich heute tun, ohne dass der andere sich erst verändern muss?
- Welche kleine Erleichterung ist heute möglich?
Mini-Tool:
Wenn der Blick gedanklich im „Damals“ hängen bleibt, kann ein bewusster Atemzug helfen.
➜ Der Gedanke „Heute ist ein neuer Moment es darf anders werden“ öffnet oft bereits eine neue Perspektive.
2.4 Vertrauen in kleine Schritte
Vertrauen wächst nicht aus großen Versprechungen, sondern aus vielen kleinen Erfahrungen, die halten.

Fragen, die helfen:
- Was möchte ich heute konkret dazu beitragen, dass wir weiterkommen?
- Woran merke ich, dass Vertrauen langsam wächst?
Mini-Tool:
Eine hilfreiche Vorstellung ist die einer Treppe, die zum gemeinsamen Ziel führt. Jede kleine Handlung, jeder ehrliche Satz, jede faire Vereinbarung ist eine Stufe.
An manchen Tagen geht es zwei Stufen hinauf, an anderen vielleicht nur eine halbe
➜ Auch langsames Vorankommen zeigt, dass der Weg stimmt.
3. Fazit: Vom Rückblick zur Gestaltung
Jeder Konflikt erzählt eine Geschichte der Vergangenheit,
aber Verständigung beginnt immer im Heute.
In der Mediation geht es nicht darum, die Vergangenheit zu vergessen. Sie gehört dazu und darf gesehen werden. Aber das Ziel ist, dass sie nicht länger allein bestimmt, was morgen möglich ist.
Der Schritt nach vorn beginnt oft mit einer einfachen Entscheidung: nicht mehr nur auf das zu schauen, was war, sondern auf das, was werden kann.
Veränderung beginnt selten mit einem großen Aha-Moment. Sie beginnt, wenn Menschen sagen: „Lass uns versuchen, es diesmal anders zu machen.“

📬 Fragen oder Gedanken dazu? Einfach schreiben: geppertdagmar@outlook.com
🌐 Mehr Informationen: www.mediationgeppert.at








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