Frieden scheint oft nur ein Gefühl oder eine schöne Vision zu sein – doch lässt er sich tatsächlich in Zahlen fassen?
Genau das versucht das Institute for Economics & Peace (IEP) seit 2008. Dafür veröffentlicht es jedes Jahr den Global Peace Index (GPI) – eine Analyse der Situation in 163 Staaten anhand von 23 Indikatoren, die von Alltagskriminalität bis hin zu internationalen Konflikten reichen.
Das Institute for Economics & Peace (IEP) ist eine unabhängige Forschungs- und Ideenwerkstatt (Think Tank), die wissenschaftliche Analysen erstellt und Empfehlungen für Politik und Gesellschaft entwickelt. Mehr dazu: www.visionofhumanity.org

Der Bericht untersucht drei große Bereiche:
- wie sicher Menschen in ihrem Alltag leben,
- wie stark Länder in Konflikte verwickelt sind und
- wie viel sie in Militär investieren.
Aus diesen Daten entsteht ein Ranking – vom friedlichsten bis zum am wenigsten friedlichen Land.
Kapitel 1 – Überblick über den globalen Frieden
Wie es 2025 um den Frieden steht:
- Das weltweite Friedensniveau ist zum 13. Mal in 17 Jahren gesunken.
- Es gibt derzeit 59 staatliche Konflikte – mehr als zu irgendeinem Zeitpunkt seit Ende des Zweiten Weltkriegs.
- 74 Länder wurden friedlicher, die Situation in 87 Ländern hat sich hingegen verschlechtert.

Die friedlichsten Länder bleiben Island, Irland, Neuseeland, Österreich und die Schweiz. Am unteren Ende finden sich Russland, die Ukraine, Sudan, die Demokratische Republik Kongo und Jemen.
1.1 Wie der Index funktioniert
Der Global Peace Index stützt sich auf 23 Indikatoren, die in drei große Bereiche fallen:
- Sicherheit im Alltag – z. B. Kriminalität, politische Stabilität, Terrorismus.
- Laufende Konflikte – etwa Zahl und Dauer von Kriegen sowie Opferzahlen.
- Militarisierung – z. B. Militärausgaben, Waffenhandel, Truppenstärke.
Der Bericht basiert auf Daten aus internationalen Quellen wie den Vereinten Nationen, der Weltbank, SIPRI, dem Uppsala Conflict Data Program oder der Global Terrorism Database.
👉 hier als Download: eine detaillierte Übersicht der Indikatoren
📌 Infoblock: Österreich & Deutschland
Österreich liegt 2025 auf Platz 4 der friedlichsten Länder weltweit. Besonders gut schneidet das Land bei niedriger Militarisierung und stabilen Institutionen ab. Allerdings gibt es – wie in ganz Europa – eine leichte Verschlechterung durch steigende Militärausgaben und wachsende Unsicherheiten.
Deutschland belegt Platz 14. Es gehört damit weiterhin zu den friedlichen Staaten, hat aber ebenfalls einen kleinen Rückgang in der Bewertung. Gründe sind unter anderem die Erhöhung des Verteidigungsetats sowie internationale Spannungen, in die Deutschland indirekt eingebunden ist.
Kapitel 2 – Regionale Entwicklungen
Der Global Peace Index 2025 zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Regionen der Welt. Während einige Regionen stabiler werden, verschlechtern sich andere rapide.
- Westeuropa bleibt die friedlichste Region der Welt. Acht Länder liegen in den globalen Top 10. Dennoch sinkt auch hier der Friedensscore seit einigen Jahren, vor allem durch steigende Militärausgaben und die Auswirkungen internationaler Konflikte.
- Südamerika ist die einzige Region, die sich verbessert hat. Rückgänge bei Kriminalität und Gewalt haben hier für etwas mehr Stabilität gesorgt.
- Südasien hat den größten Rückgang verzeichnet – politische Spannungen, Terrorismus und die Gefahr eskalierender Konflikte belasten die Region.
- Naher Osten und Nordafrika (MENA) bleibt die am wenigsten friedliche Region der Welt, geprägt von Bürgerkriegen, Terrorismus und internationaler Einmischung.
- Osteuropa ist stark von Russlands Krieg in der Ukraine betroffen. Viele Länder haben ihre Militärausgaben erhöht, was den regionalen Score verschlechtert.
📌 Infoblock: Österreich & Deutschland im europäischen Vergleich
Österreich zählt weiterhin zu den sichersten Ländern Europas. Es liegt im westeuropäischen Vergleich direkt hinter Island und Irland. Die größte Herausforderung: wie in vielen europäischen Ländern steigen die Sicherheitsbedenken.
Deutschland rangiert im europäischen Mittelfeld, bleibt aber stabil unter den 20 friedlichsten Staaten der Welt. Positiv wirkt die starke politische und institutionelle Stabilität. Herausfordernd sind jedoch die höheren Verteidigungsausgaben sowie Spannungen im Verhältnis zu Russland und Osteuropa.
Kapitel 3 – Was Krieg und Krisen die Weltwirtschaft kosten
Frieden ist nicht nur ein moralisches oder politisches Ziel – er ist auch ein entscheidender wirtschaftlicher Faktor. Der Global Peace Index 2025 berechnet jedes Jahr die Kosten, die durch Gewalt entstehen. Dazu zählen Militärausgaben, Ausgaben für innere Sicherheit, Schäden durch Konflikte oder die Folgen von Terrorismus.
2024 beliefen sich die weltweiten Kosten von Konflikten auf 19,97 Billionen US-Dollar (kaufkraftbereinigt), das entspricht 11,6 % des globalen BIP oder 2.455 US-Dollar pro Person .
Vier Hauptfaktoren:
- Militärausgaben und innere Sicherheit
Mit 73 % der globalen Gesamtsumme bilden sie den größten Kostenblock. Allein die Militärausgaben beliefen sich 2024 auf 9 Billionen USD – fast die Hälfte aller Kosten. - Konflikttote
Jeder Mensch, der in einem Krieg stirbt, geht auch als Arbeitskraft und Teil der Gesellschaft verloren. Er kann nicht mehr arbeiten, konsumieren oder Steuern zahlen. Der Bericht schätzt deshalb, wie viel wirtschaftliche Leistung ein Mensch im Durchschnitt im Laufe seines Lebens noch erbracht hätte. Multipliziert mit der Zahl der Opfer ergibt sich ein Gesamtverlust von über 630 Milliarden USD im Jahr 2024 – ein Anstieg von 421 % seit 2008. - Binnenflüchtlinge und Geflüchtete (IDPs/Refugees)
Wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen, verlieren Länder Arbeitskräfte, Produktionskraft und Steueraufkommen. Gleichzeitig steigen die Kosten für Unterbringung, Versorgung und Sicherheit. Auch diese Kosten haben sich seit 2008 mehr als verdreifacht. - BIP-Verluste durch Konflikte
Kriege zerstören Infrastruktur, blockieren Handel und schwächen ganze Volkswirtschaften. 2024 stiegen diese Verluste besonders stark – um 44 % im Vergleich zum Vorjahr.
Beispiele aus dem Report:
- In den zehn am stärksten betroffenen Ländern machen diese Kosten im Schnitt 27,8 % des BIP aus, während sie in den zehn friedlichsten Ländern nur 2,5 % betragen.
- Afghanistan und Ukraine tragen die höchsten Kosten: über 40 % ihres BIP entfallen auf die ökonomischen Auswirkungen von Gewalt .

Investitionen in Frieden stehen in starkem Kontrast: 2024 wurden weltweit nur 47,2 Mrd. USD für Peacebuilding und Peacekeeping ausgegeben – gerade einmal 0,52 % der globalen Militärausgaben .
📌 Infoblock: Österreich & Deutschland
Österreich hat vergleichsweise niedrige ökonomische Kosten durch Gewalt. Militärausgaben sind im internationalen Vergleich gering, die innere Stabilität hoch. Dennoch steigen auch hier die Verteidigungsbudgets – eine Reaktion auf die wachsenden Unsicherheiten in Europa.
Deutschland investiert deutlich mehr in das Militär, besonders nach den jüngsten geopolitischen Entwicklungen. Damit steigen die wirtschaftlichen Kosten durch Gewalt spürbar an. Trotz dieser höheren Ausgaben bleibt Deutschland ein stabiles Land, das jedoch wirtschaftlich stärker von internationalen Spannungen betroffen ist als Österreich.
Kapitel 4 – Warum Konflikte eskalieren
Der Global Peace Index 2025 macht deutlich: Die Welt erlebt eine Krise gewaltsamer Konflikte. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg gab es so viele staatliche Kriege wie heute.
4.1 Mehr Konflikte, weniger Lösungen
Früher endeten fast die Hälfte aller Konflikte mit einem klaren Sieg oder einem Friedensvertrag. Heute ist das die Ausnahme:
- Nur 9 % aller Konflikte enden noch in einem Sieg.
- Nur 4 % werden durch Friedensverträge gelöst.
Die meisten Konflikte bleiben ungelöst und dauern über Jahre oder Jahrzehnte an – mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, erneut aufzuflammen.
Beispiel: In Afghanistan und der Demokratischen Republik Kongo dauern Konflikte seit Jahrzehnten an – ohne endgültige Lösung, mit wiederkehrenden Eskalationen .
4.2 Wenn Kriege immer mehr Länder hineinziehen
Seit 2010 ist die Zahl internationalisierter Bürgerkriege um 175 % gestiegen. 2023 waren 78 Staaten in Kriege außerhalb ihrer Grenzen verwickelt. Je mehr Akteure beteiligt sind, desto schwieriger wird es, Konflikte zu beenden.
Beispiel: In Subsahara-Afrika waren in den letzten Jahren 36 von 42 Staaten in externe Konflikte involviert – eine dramatische Zunahme gegenüber nur sieben Staaten im Zeitraum 2002–2006 .
4.3 Neun Brandbeschleuniger für Gewalt
Das Institute for Economics & Peace identifiziert neun Faktoren, die Eskalationen besonders wahrscheinlich machen:

- Externe militärische Unterstützung
→ z. B. Syrien, wo zahlreiche Staaten Waffen, Truppen und Logistik beisteuerten. - Logistische Versorgung
→ sichtbar im Ukrainekrieg, wo Nachschub und Infrastruktur die Intensität bestimmen. - Externe Intervention (direkte Beteiligung durch Drittstaaten)
→ Tigray-Krieg in Äthiopien/Eritrea: Eritrea griff mit eigenen Truppen ein. - Ethnische oder soziale Ausgrenzung
→ in Myanmar oder Südsudan führen tiefe Spaltungen zu wiederkehrender Gewalt. - Einfluss externer Mächte
→ im Jemen-Konflikt kämpfen Stellvertretergruppen mit internationaler Unterstützung. - Instrumentalisierung durch Eliten
→ in Süd-Sudan verschärfte die Machtpolitik der Eliten die Spannungen. - Fragmentierte Machtstrukturen
→ Libyen und Syrien zeigen, wie rivalisierende Milizen staatliche Strukturen ersetzen. - Gesellschaftliche Polarisierung
→ Ukraine oder Gaza: politische und kulturelle Brüche verstärken Gewalt. - Propaganda und Fehlinformation
→ Desinformationskampagnen in Russland-Ukraine verschärfen Fronten.
Jeder aktuelle Konflikt weist mindestens einen dieser Faktoren auf – viele gleich mehrere.
📌 Infoblock: Österreich & Deutschland
Österreich profitiert von stabilen Institutionen, funktionierenden Nachbarschaftsbeziehungen und geringer Polarisierung. Dennoch ist es – wie alle europäischen Länder – indirekt von internationalen Konflikten betroffen, etwa durch Flüchtlingsbewegungen oder wirtschaftliche Unsicherheiten.
Deutschland ist stärker in internationale Dynamiken eingebunden, zum Beispiel durch seine Rolle in der EU und der NATO. Hier zeigt sich: Auch wenn im eigenen Land keine akuten Konflikte bestehen, können externe Faktoren (wie Kriege in Nachbarregionen oder internationale Verpflichtungen) das Sicherheitsgefühl und die politische Stabilität beeinflussen.
Kapitel 5 – Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg
Der Global Peace Index unterscheidet zwischen negativem Frieden und positivem Frieden.
Negativer Frieden bedeutet: Es gibt keine akute Gewalt, aber auch keine tiefen Strukturen, die Konflikte dauerhaft verhindern.
Positiver Frieden bedeutet: Es existieren stabile Institutionen, gerechte Strukturen, wirtschaftliche Chancen, Rechtsstaatlichkeit, freie Informationsflüsse und gesellschaftliche Teilhabe.
Nur dort, wo positiver Frieden stark ausgeprägt ist, können Gesellschaften Krisen widerstehen und Konflikte konstruktiv bewältigen.
5.1 Globale Entwicklungen
Der Report zeigt: Zwischen 2009 und 2019 verbesserten sich viele Indikatoren des Positiven Friedens – vor allem in Entwicklungsländern.
Seit 2019 verzeichnen auch Europa und Nordamerika Rückschritte im Positiven Frieden. Der Bericht nennt für diese Regionen keine einzelnen Indikatoren, verweist aber allgemein auf Entwicklungen wie zunehmende Polarisierung, sinkendes Vertrauen in Institutionen und Rückgänge bei der Pressefreiheit.
5.2 Warum positiver Frieden entscheidend ist
Der Bericht zeigt klar: Länder mit hohem Positivem Frieden sind friedlicher, wohlhabender und stabiler.
Ein stabiles System gerechter Institutionen wirkt wie ein Schutzschild – es verhindert, dass Konflikte eskalieren, und erleichtert die Lösung von Spannungen.
Beispiele aus dem GPI 2025:
- Island, Irland, Österreich, Neuseeland, Schweiz: Diese Staaten gehören seit Jahren zu den friedlichsten Ländern der Welt und weisen durchgängig hohe Werte im Positiven Frieden auf. Das erklärt ihre Widerstandskraft trotz globaler Krisen .
- Wirtschaftlicher Effekt: Positiver Frieden ist stark korreliert mit höherem BIP-Wachstum, niedrigen Zinsen und gesellschaftlichem Wohlbefinden .
📌 Infoblock: Österreich & Deutschland
Österreich zählt zu den Ländern mit hohem positivem Frieden. Stabile Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und soziale Sicherheit tragen dazu bei. Herausforderungen gibt es beim Thema gesellschaftliche Polarisierung und beim Vertrauen in Medien.
Deutschland hat ebenfalls einen hohen Wert beim positiven Frieden. Starke Demokratie, unabhängige Justiz und wirtschaftliche Stabilität sind klare Pluspunkte. Doch auch hier zeigen sich Risiken durch politische Polarisierung, Vertrauensverlust in Institutionen und Debatten um Desinformation.
Schlussgedanke
Der Global Peace Index 2025 macht deutlich:
Frieden ist kein Selbstläufer. Er ist verletzlich, teuer im Verlust – und doch unbezahlbar im Erhalt.
Ob auf globaler Ebene zwischen Staaten oder im Kleinen zwischen Menschen: Konflikte entstehen oft nach denselben Mustern. Sie eskalieren, wenn Vertrauen fehlt, wenn Gruppen ausgegrenzt werden oder wenn Machtinteressen im Vordergrund stehen.

Als Mediatorin sehe ich genau hier die Verbindung: Frieden beginnt im Kleinen – in unserer Art, zuzuhören, Unterschiede zu respektieren und gemeinsam Lösungen zu finden.
Wenn wir lernen, Konflikte frühzeitig zu erkennen und konstruktiv zu bearbeiten, schaffen wir nicht nur Harmonie im persönlichen Umfeld, sondern leisten auch einen Beitrag zu einer friedlicheren Welt.








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