Anlässlich des Tags der Mediation 2025 habe ich eine Online-Umfrage gestartet:
„Mediation im Alltag – Erfahrungen & Perspektiven“
Mich hat dabei besonders interessiert:
- Wie erleben Menschen Mediation?
- Was hindert sie daran, Mediation zu nutzen?
- Und was brauchen sie, um Konflikte gut zu klären?
70 Personen haben geantwortet – aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen, mit und ohne Vorerfahrung zum Thema Mediation.
Entstanden ist ein Stimmungsbild – eine Sammlung von Sichtweisen, Erfahrungen und Wünschen.
Und für mich persönlich: eine Einladung zum Weiterdenken.
Deshalb ist die Idee entstanden, einzelne Themen aus der Umfrage Schritt für Schritt aufzugreifen – Fragen und Aspekte, die im Alltag oft übersehen werden und zum Nachdenken einladen.
Beim Auswerten wurde deutlich:
Mediation bewegt. Konflikte auch. Und dazwischen liegt ein Raum, der viel Aufmerksamkeit verdient.
1. Mediation – erst im Notfall?
Die Umfrage zeigt: Viele Menschen wissen, was Mediation ist.
Sie verbinden damit Begriffe wie Zuhören, Struktur, Entlastung und Klarheit.
Gedacht wird daran jedoch oft erst dann, wenn das Gespräch bereits schwierig geworden ist – wenn ein Thema sich festgefahren hat oder das Miteinander spürbar leidet.
Auf die Frage: „Was spricht deiner Meinung nach im Alltag oft dagegen, Mediation oder Unterstützung zu nutzen?“ zeigen sich zwei häufige Muster: Gewohnte Überzeugungen, die Konflikte eher festhalten als lösen.
2. Zwei Haltungen, die im Weg stehen
2.1 „Wir klären das lieber unter uns“
Es gibt Sätze, die in vielen Familien, Teams oder Unternehmen irgendwann fallen. Einer davon lautet: „Wir klären das lieber unter uns.“
Ein Satz, der nach Zusammenhalt klingt. Nach Verantwortungsgefühl, dem Wunsch, Schwierigkeiten gemeinsam zu bewältigen und einem stillen Versprechen: Wir schaffen das allein.
Und das ist grundsätzlich etwas Gutes.
Beziehungen leben davon, dass Menschen einander etwas zutrauen, Konflikte ernst nehmen – und sich selbst und anderen die Fähigkeit zur Klärung zugestehen.

Doch manchmal wird genau dieses Versprechen zur Sackgasse.
Denn was aus Loyalität und Selbstverantwortung entsteht, kann im Alltag leicht zur Vermeidung werden – besonders dann, wenn Themen als belastend empfunden werden.
Ein Beispiel aus dem unternehmerischen Alltag:
In einem Familienunternehmen steht eine Betriebsnachfolge an.
Was hier die Menschen bewegt:
– Wer übernimmt welche Aufgaben und Rollen?
– Welche Erwartungen gibt es an Übergebende und an Übernehmende?
– Traue ich mich offen zu sagen, was ich mir wünsche?
Eine professionelle Moderation oder Mediation kann hier helfen, damit wirklich alle zu Wort kommen und am Ende klar ist, was vereinbart wurde.
2.2 „So schlimm ist es noch nicht“
„So schlimm ist es noch nicht.“
Ein Satz, der in der Umfrage oft gefallen ist – und vermutlich vielen vertraut ist.
Er klingt nach Abwägung, nach Geduld. Und manchmal auch nach der Hoffnung, dass sich Dinge von selbst beruhigen.
Und manchmal stimmt das auch.
Spannungen lösen sich, Missverständnisse klären sich im Gespräch.
Nicht jeder Konflikt braucht sofort Aufmerksamkeit.
Aber: Nicht jeder Weg, der sich geradeaus anfühlt, führt auch weiter.

Wenn aus „So schlimm ist es noch nicht“ ein dauerhaftes Ausweichen wird, kann der Konflikt zu einer Einbahnstraße werden –
ein Weg, auf dem Themen immer wieder umfahren werden, ohne dass es eine echte Abzweigung gibt.
Was oft dahinter steht:
➥ Rücksichtnahme auf andere
➥ Unsicherheit im Umgang mit Konflikten
➥ Die Sorge, überzureagieren oder etwas „hochzuspielen“
➥ Der Wunsch, das Gleichgewicht nicht zu gefährden
➥ Oder schlicht: Die Hoffnung, dass es sich von selbst regelt
Doch während man wartet, arbeitet der Konflikt im Hintergrund weiter.
Was nicht ausgesprochen wird, bleibt bestehen – manchmal still, aber spürbar.
Ein Beispiel aus dem familiären Umfeld:
Zwei Geschwister teilen sich die Verantwortung für die Betreuung ihrer Eltern.
Die Aufgabenverteilung ist unausgeglichen, Gespräche darüber werden vermieden.
Beide denken: „Es geht schon – ist ja nicht so schlimm.“
Dennoch wächst der Frust. Kleine Bemerkungen werden schärfer, das Miteinander distanzierter.
2.3 Was tun, wenn Gespräche aufgeschoben werden?
Wenn Themen dauerhaft unausgesprochen bleiben, kann das Miteinander spürbar darunter leiden – auch dann, wenn niemand laut wird.
Drei Fragen, die helfen können:
- Warten wir noch – oder weichen wir einem Thema aus?
→ Gibt es etwas, das gesagt werden müsste – aber bisher nicht ausgesprochen wurde? - Was würde sich verändern, wenn wir es ansprechen?
→ Könnte es entlastend sein, Klarheit zu schaffen, auch wenn es herausfordernd ist? - Wäre es hilfreich, wenn jemand von außen das Gespräch begleitet?
→ Nicht, um eine Lösung vorzugeben – sondern um den Austausch möglich zu machen.
Es reicht oft, den ersten Schritt ins Auge zu fassen. Allein die Erlaubnis, sich Unterstützung zu holen, kann entlasten.
Nicht weil es „zu spät“ ist – sondern weil es rechtzeitig gut werden darf.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.
In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.
In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“
– Viktor E. Frankl
Nicht in jedem Fall braucht es sofort eine Mediation im klassischen Sinn. Manchmal reicht es, die eigenen Gedanken zu sortieren. Sich zu fragen: Was genau beschäftigt mich eigentlich – und was brauche ich, um es anzusprechen?
3. Konfliktcoaching: Unterstützung für sich selbst finden
Ein besonders spannender Aspekt der Umfrage:
51 % der Befragten haben bereits Coaching in Anspruch genommen.
Weitere 24 % kennen den Begriff im Zusammenhang mit Konflikten.
Das zeigt: Viele Menschen sind offen dafür, sich begleiten zu lassen – nicht erst im akuten Streit, sondern schon dann, wenn etwas innerlich in Bewegung geraten ist.
Was Konfliktcoaching unterstützen kann:
➥ innere Klärung
➥ Orientierung bei widersprüchlichen Gefühlen
➥ bewusster Umgang mit Mustern und Reaktionen
➥ Gesprächsvorbereitung – ohne sie vorauszusetzen
➥ neue Perspektiven und Schritte ins eigene Handeln
Beispiel: Eine Teamleiterin merkt, dass sie auf einen Kollegen zunehmend gereizt reagiert.
Im Coaching wird deutlich: Frühere Erfahrungen spielen mit hinein.
Durch das Sortieren der eigenen Gedanken entsteht wieder Handlungsspielraum –
noch bevor das nächste Gespräch stattfindet.
Coaching ersetzt keine Mediation – aber es ist eine eigenständige Form der Begleitung.
Manchmal genügt ein einziges Gespräch, um ruhiger, klarer oder mutiger zu werden.
4. Eine Einladung zum Umdenken
Mediation oder Coaching sind nicht nur Notlösungen.
Sie sind ein kluger, bewusster Schritt, wenn Beziehungen wirklich zählen.
Wer mag, darf sich angesprochen fühlen:
Nicht als jemand mit einem Problem – sondern als jemand, der Verantwortung übernimmt.
Für sich selbst. Für Beziehungen. Für ein gutes Miteinander.
Mediation finden – so geht´s:
➥ Über die Liste der eingetragenen Mediator:innen beim Bundesministerium für Justiz: mediatoren.justiz.gv.at
➥ Auf den Webseiten vom Verein Brückenbau Mediation oder von Berufsverbänden: ÖBM, Mediation Austria
➥ Über die Wirtschaftskammer
➥ Online-Suche mit Angabe der Schwerpunkte (z. B. Familie, Arbeit, Trennung, Erbschaft)
Konfliktcoaching finden – so geht´s:
➥ Viele Mediator:innen bieten auch Coaching oder vorbereitende Gespräche an.

🟠 Nächste Themen in dieser Reihe
In den nächsten Teilen geht es unter anderem um:
- Was Menschen brauchen, um sich auf ein Gespräch einzulassen – und was sie davon abhält
- Wie Mediation nicht nur Methode, sondern Haltung sein kann
Wer also dranbleiben möchte, ist herzlich eingeladen.
Die nächsten Beiträge folgen in Kürze.
📬 Fragen oder Gedanken dazu? Einfach schreiben: geppertdagmar@outlook.com
🌐 Mehr Informationen: www.mediationgeppert.at








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